Theaterneubau: "Keine Luftschlösser bauen"

Gastbeitrag Jan-Hendrik Brincker in der OZ vom 14.09.2018

Ich hatte eigentlich nicht vor, auf der letzten Bürgerschaftssitzung etwas zur misslungenen Informationsvorlage der Verwaltung über die Theaterfinanzierung zu sagen.
Der OB erläuterte dann allerdings wortreich, dass die Vorlage lediglich als erster Aufschlag für die Bürgerschaft dienen solle, um hier eine breite Unterstützung für die dargelegte (wünsch-ich-mir) Finanzierung einzuwerben.

Offenkundig ist sie unabgestimmt und phantasievoll insbesondere im Hinblick auf die Beiträge des Landkreises und des Landes. Eine vorweggenommene Kommunikation über die Medien ist einer Verhandlungsbereitschaft des Landkreises dabei ganz sicher nicht zuträglich: Es ist also nicht nur nicht gut gedacht, es ist auch noch nicht gut gemacht.

Mit dem „Einwerben der Unterstützung“ durch bloße Kenntnisnahme (offenbar hat man bewusst nicht die Form der Beschlussvorlage gewählt, die zu einer kontroversen Diskussion geführt hätte) sollte uns ein Ei ins Nest gelegt und insbesondere die nicht beschlossene Investitionshöhe von 102 Mio Euro ein Stück weit öffentlich festgezurrt werden soll.

An dieser Stelle war es mir wichtig, dem OB deutlich und direkt zu sagen, dass er meine Unterstützung für das Projekt in dieser Größenordnung nicht hat und auch zukünftig nicht haben wird:

Allein durch Baupreissteigerungen, sehr wahrscheinliche Planungsanpassungen und die üblichen und wohl unvermeidlichen Kostenüberschreitungen bei öffentlichen Bauten (vor nicht allzu langer Zeit sollte es „nur“ 50 Mio Euro kosten...) ist es nicht unangebracht, mit tatsächlichen Kosten zu rechnen, die wohl eher 130-140 Mio Euro erreichen.

Völlig unbekannt ist das zukünftige Betriebskonzept und der sich daraus ergebende Zuschussbedarf. Von aktuell 17 Mio Euro ist - u.a. durch Tariferhöhungen  und steigende Betriebskosten - mit einer Steigerung auf 25-27 Mio Euro zu rechnen. Zu zahlen jährlich. Und weiter steigend.

Uns Mitgliedern der Bürgerschaft wird oft gesagt, ein Theater baue man für die nächsten 100 Jahre. Nur an die Zielgruppe wird dabei offenkundig kaum gedacht: Ich bin der festen Überzeugung, dass bei zukünftigen Generationen - und lt. Studien schon bei der jetzt folgenden - eine deutliche Abnahme der Affinität zur Kunstform „Theater“ festzustellen ist. Das mag bedauerlich sein; in jedem Fall muss es die Frage erzeugen, für wen wir diese Investition denn eigentlich tätigen: Schon heute ist es so, dass nur rd. 2% der Rostocker zu den regelmäßigen Theatergängern zählen. Diese Wenigen werden dabei mit knapp 10 Mio Euro pro Jahr „unterstützt“. Bei anderer Verwendung könnte man deutlich mehr Bürger erreichen und alle anderen kulturellen Einrichtungen zusammen können von solchen Zuwendungen nur träumen!

Ich respektiere jeden, der zum Theater eine abweichende Meinung hat. Dennoch muss man diesen Theaterfreunden sagen: Wir leben in einer kleinen Großstadt mit vielleicht einmal 230.000 Einwohnern. Eine Kulturinvestition in dieser Größenordnung ist für unsere Verhältnisse einfach unangemessen! Sie dient der Profilierung derer, die heute die Weichen dafür stellen, die aber später nicht mehr in der Verantwortung stehen werden, wenn die Folgekosten den städtischen Haushalt über Gebühr belasten. So viel Realismus muss man auch den Befürwortern abverlangen dürfen: Steigende Gewerbesteuereinnahmen und niedrige Zinsen sind nicht für die Ewigkeit garantiert. Alles ändert sich, auch die Zeiten...

Es ist gut zu wissen, dass meine Einschätzungen hinter vorgehaltener Hand auch in der Verwaltung geteilt werden, der Zuspruch nach meinem Wortbeitrag war zumindest unerwartet. Kehren wir also alle mit gesundem Verstand zur Diskussion über das/ein Theater zurück und suchen wir eine Lösung, die die Faktoren Investition, Zuschuss und Zielgruppe auf vernünftigem Niveau zusammenfasst. Luftschlösser (wie im IGA-Park) haben schon Verwaltungen vor uns gebaut und ich möchte nicht zu der gehören, die damit von vorn beginnt.

Wie aktuell zu vielen anderen Themen, ob bei uns in der Kommune oder bundesweit, verschaffen sich die Wenigen (Befürworter eines Theaterneubaus) lautstark Gehör, während sich die Masse zu still dem Lauf der Dinge fügt. Dabei glaube ich ganz persönlich, dass auch hier gilt: #wirsindmehr. Fangen wir also an und sagen es auch!

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